Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften hast du während deines FSJ an dir selbst entdeckt oder weiterentwickelt, die du vorher nicht kanntest?
Hannah: Ich habe während des FSJ bemerkt, dass ich meine interkulturelle Kompetenz weiterentwickelt konnte und dies auch sehr spannend finde. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich gut in soziale Berufen reinpasse, und es mag mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Was mir auch klar geworden ist, ist dass ich mich gut an neue Situationen anpassen kann und mit einer ungewohnten Sprache schnell zurechtkomme.
Vanessa: Bis zum FSJ habe ich immer zu Hause bei meinen Eltern gelebt und mich in meinem gewohnten Umfeld aus Familie, Schule und Freund:innen bewegt. Als ich dann plötzlich siebentausend Kilometer weit weg war und allein gelebt habe, war das auf jeden Fall eine Umstellung. Aber es war großartig für mich selbst zu sehen, wie schnell ich mich anpassen und neue Aufgaben übernehmen konnte. Diese Eigenständigkeit hat sich nicht nur auf das allein Leben beschränkt, sondern auf verschiedene Bereiche meines Lebens ausgewirkt, wie z.B. alleine Reisen, neue Menschen kennenlernen, für sich selbst und andere einzustehen und noch viel mehr.
Paulina: Vor allem stärkte mein FSJ auf der Kinderonkologie durch den Umgang mit schweren Erkrankungen meine emotionale Belastbarkeit. Er lehrte mich zudem in Selbstreflexion über meine eigenen Gefühle und Grenzen. Hilfreiche Fähigkeiten, wie eine gewisse Sensibilität für nonverbale Signale und Stimmungen sowie Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Empathie konnte ich hierbei vertiefen. Außerdem prägte mich der Umgang mit jungen Patient:innen in Geduld und Achtsamkeit.
David: Was mir spontan einfällt, ist die Resilienz gegen Stress, also wie ich in Stresssituationen reagiere und damit umgehe. Da habe ich sehr viel über mich selbst gelernt und wie ich mit solchen Stresssituationen umgehen kann. Ich bin außerdem auch viel offener gegenüber neuen oder unbekannten Situationen geworden. Ich habe mich öfter in ungewohnten Situationen geschmissen und meine Komfortzone verlassen. Das hat mich oft sehr viel Kraft gekostet, doch dadurch bin ich definitiv extrovertierter und auch offener gegenüber Menschen geworden.
Gab es Momente während deines FSJ, die dich besonders gefordert haben und wie haben diese Erfahrungen dich geprägt?
Hannah: Während meines FSJ habe ich manchmal viel Verantwortung bekommen, auf die ich nicht vorbereitet war. Beispielsweise musste ich auf große Gruppen an Kindern für eine lange Zeit aufpassen. Dabei gab es auch einige Kinder, die persönliche Probleme hatten und dies im Verhalten widerspiegelten, womit ich überfordert war. Ich habe gemerkt, dass ich ohne eine richtige Ausbildung im sozialen Bereich nicht gut genug mit solchen Situationen umgehen kann, da ich häufig nicht wusste, was ich tun sollte.
Vanessa: Was tatsächlich eine große Herausforderung für mich dargestellt hat, war, mich an andere lokale Praktiken und Gewohnheiten anzupassen. In Deutschland war ich es gewohnt, dass Menschen Privatsphäre sehr ernst nehmen und oft eher verschlossen sind. In Malawi habe ich überschwängliche Gastfreundschaft erfahren, die ich aber auch zurückgeben musste. Die Türen der Häuser anderer standen einem immer offen, man konnte jeden immer ohne Ankündigung besuchen gehen und das war für mich am Anfang sehr überfordernd, weil ich das nicht so kannte. Im Endeffekt war es eine sehr schöne Erfahrung zu sehen, wie offen Menschen aufeinander zugehen und wie willkommen Menschen sich gegenseitig aufnehmen können.
Paulina: Zu besonders fordernden Momenten zählten für mich allgemein die Konfrontation mit schwerwiegenden Krankheiten sowie palliative Situationen. Diese konnten zu emotionalen Gesprächen führen, in denen mir oft meine eigene Hilflosigkeit bewusst wurde. Diese wahrgenommene Ungerechtigkeit prägte mich sehr. Ich musste mich bewusster mit der Endlichkeit und Sinnfrage des Lebens auseinandersetzen. Dies unterstütze nicht nur meine persönliche Reifung, sondern bereicherte auch den Wunsch, Menschen in schwierigen Situationen zu unterstützen.
David: Eine Situation, die mich besonders gefordert hat, war, als ich meinen Freiwilligendienst wechseln musste. Ich sollte mein FSJ eigentlich in Uganda absolvieren, doch aufgrund der ausgebrochenen Ebola-Epidemie musste ich das Land verlassen und habe eine neue Stelle in Malawi angetreten. Zusätzlich habe ich eine Woche, bevor mir meine Organisation verkündet hat, dass ich das Land verlassen muss, vom Tod meiner Oma erfahren. Das war alles sehr viel auf einmal und hat mich natürlich sehr mitgenommen. Ich hatte auch überhaupt keine Lust, von Uganda nach Malawi zu wechseln, da ich mich in den drei Monaten in Uganda bereits gut eingelebt hatte und ich mich jetzt wieder auf ein neues Land und ein neues Umfeld einlassen musste, was mich sehr gefordert hat. Ich glaube, diese Erfahrung hat meine Resilienz sehr gefördert. Ich kann dadurch heute viel besser und optimistischer mit solch stressigen oder aufwühlenden Situationen umgehen. Diese Situation habe ich noch sehr präsent in meinen Erinnerungen – das prägt mich bis heute.
Wie hat dein FSJ die Zeit nach dem Freiwilligendienst beeinflusst oder verändert?
Hannah: Meine Zeit im FSJ hat mich insofern sehr geprägt, dass ich einerseits stark auf die bestehenden Ungerechtigkeiten achte und mich dies auch dazu verleitet hat, einen Studiengang zu wählen, der genau auf diese globalen Verbindungen und auch Ungerechtigkeiten fokussiert ist. Andererseits möchte ich auch nach meinem Studium weiterhin in der Forschung bleiben und zu den Themen, die mich besonders im FSJ beschäftigt haben (und auch zu anderen ähnlichen Themen) forschen.
Vanessa: Einerseits war mein FSJ ausschlaggebend für mein anschließendes Studium. Hätte ich nie ein FSJ in Malawi mit dazugehörenden Vorbereitungsseminaren gehabt, hätte ich nie mein Interesse für Entwicklungszusammenarbeit und -politik erkannt. Außerdem war das FSJ eine großartige Vorbereitung für den späteren Umzug in meine Unistadt und für das Leben ohne Eltern. Das FSJ hat definitiv auch beeinflusst, wie ich auf Menschen zugehe und auch allgemein meine Motivation gestärkt, andere Länder und Kulturen kennenzulernen.
Paulina: Abgesehen davon, dass mich mein FSJ in der Wahl meines Studiums bestätigt und meinen Fokus auf Kinder und Jugendliche im Bereich der klinischen Psychologie weiter konkretisiert hat, hat mich diese Zeit auch persönlich stark geprägt. Die praktische Erfahrung im Krankenhaus half mir, offener auf Menschen zuzugehen und sensibler auf deren individuelle Bedürfnisse einzugehen. Darüber hinaus hat mich das FSJ in meiner Eigenorganisation, meinem Verantwortungsbewusstsein und meiner Teamfähigkeit gestärkt. Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Berufsgruppen im Klinikalltag zeigte mir, wie wichtig interdisziplinäres Arbeiten ist und wie wertvoll gute Kommunikation im Gesundheitswesen sein kann.
David: Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob das FSJ ausschlaggebend für mein Studium war. Als außenstehende Person würde das Sinn machen, da ich Afrikastudien studiere. Tatsächlich hatte ich aber vor meinem FSJ bereits Lust, in diese Richtung zu gehen, weil ich immer Interesse dafür hatte. Sowohl das Berufsspektrum der Entwicklungszusammenarbeit als auch alles, was damit einhergeht, hat mich sehr interessiert, weil ich immer sehr neugierig war gegenüber anderen Kulturen, Menschen und alles, was außerhalb Europas passiert. Ich glaube im Endeffekt war mein FSJ auf jeden Fall ein Faktor für meine spätere Studienwahl.
Wie hat dein FSJ deine Sicht auf gesellschaftliche Themen oder als Teil der Gemeinschaft verändert?
Hannah: Das FSJ hat mir nochmal verdeutlicht, dass man sensibel miteinander umgehen muss, weil es viele Sachen gibt, die man nicht voneinander weiß und die das eigene Leben sehr beeinflussen. Außerdem ist mir mein Standpunkt in der Gesellschaft nochmal klarer geworden, indem ich mir meiner Privilegien bewusster bin und versuche, nicht zu den Ungleichheiten beizutragen, bzw. diese zu verringern.
Vanessa: Da ich mein FSJ in einem afrikanischen Land absolviert habe und die Vorbereitungsseminare viel bezüglich Rassismus und kolonialen und postkolonialen Strukturen aufgeklärt und informiert haben, hat mich mein FSJ besonders in diesem gesellschaftlichen Bereich geprägt. Es war ein großer Schritt zu erkennen und zu akzeptieren, dass jeder Mensch rassistische Gedanken hat und sich rassistisch verhält, auch wenn man meint, das wäre nicht so. Deshalb ist es umso wichtiger, sein eigenes Verhalten, seine eigenen Gedanken und sich selbst stets zu reflektieren und niemals zu denken, man wüsste alles und würde in der Richtung nichts mehr falsch machen.
Paulina: Grundsätzlich hat mich mein FSJ ein größeres Bewusstsein für die Bedeutung eines solidarischen Gesundheitssystems gelehrt. Meine Wertschätzung und mein Respekt für Pflegeberufe ist sehr gestiegen und ich konnte ein großes Verständnis dafür entwickeln, wie wichtig psychosoziale Begleitung im Krankenhaus ist. Gerade da Krankheiten meist das gesamte soziale Umfeld betreffen, empfinde ich eine Sensibilisierung für psychische Belastungen von Familien mit schwerkranken Angehörigen als unausweichlich. Es war für mich selbst sehr prägend, Teil dieser unterstützenden Gemeinschaft zu sein.
David: Der größte Punkt für mich war, dass mir nochmal klarer geworden ist, wie ausbeuterisch der globale Norden und unser globales System ist und wer darunter leidet. Es war sehr prägend mit eigenen Augen zu sehen, was für koloniale Abhängigkeiten nach wie vor bestehen. Das war mir vorher auch schon bekannt, aber das nochmal live mitzuerleben, war ein anderes Gefühl. Das war auf jeden Fall eine wichtige Erfahrung während meines FSJs.
Würdest du dich rückblickend wieder für ein FSJ entscheiden und was würdest du Menschen raten, die überlegen, ein FSJ zu machen?
Hannah: Ich hatte eine sehr gute Zeit im FSJ und habe viel dazugelernt. Allerdings bin ich mittlerweile kritischer gegenüber FSJs, da sie häufig als eine Art Hilfe für das Land dargestellt werden, in das man reist, wobei ausgebildete Menschen vor Ort mehr helfen könnten als ich das tun kann. Trotzdem denke ich, dass es für die persönlichen Entwicklungen und Erfahrungen positiv sein kann, wenn man sich nicht erhofft, plötzlich das Standbein der Einrichtung zu werden und seinen Platz als Aushilfe akzeptiert. Wenn man sich dieser Dynamik bewusst ist, sehe ich es als weniger verwerflich, ein FSJ zu machen.
Vanessa: Ich wusste damals gar nicht, was ich studieren oder welchen Berufsweg ich einschlagen möchte. Durch das FSJ habe ich nochmal ein Jahr Aufschub zum Nachdenken und zusätzlich die Möglichkeit bekommen, währenddessen einer sinnvollen Arbeit nachzugehen. Ich habe in dem Jahr so viele verschiedene Dinge erlebt und das FSJ war mit Abstand eine der intensivsten Zeiten meines Lebens. Ich finde immer noch, dass ein FSJ eine gute Idee ist und würde Menschen, die überlegen, eines zu machen, auf jeden Fall darin bestärken, wenn sie es aus den richtigen Motiven machen.
Paulina: Ich würde mich stets wieder für mein FSJ entscheiden, da es mich nicht nur beruflich, sondern auch persönlich stark geprägt hat. Rückblickend empfinde ich diese Zeit als eine sehr wertvolle Orientierungsphase zwischen Schule und Studium, da ich Lebenserfahrungen sammeln konnte, die vom klassischen Unterricht, wie man ihn aus der Schule kennt, nicht ersetzt werden könnten. Meine Empfehlungen für andere, die überlegen ein FSJ zu machen sind: Offenheit für neue Erfahrungen mitzubringen und diese Zeit auch aktiv zur Selbstreflexion zu nutzen, da sie auch emotional fordernd sein kann. Für mich zeigte sich dies aber als Chance zur Persönlichkeitsentwicklung.
David: Auf jeden Fall würde ich mich rückblickend wieder dafür entschieden. Ich würde bestimmte Dinge definitiv anders machen, aber ich denke, es war gut, dass die Dinge so gelaufen sind, weil ich sonst nichts daraus gelernt hätte. Worüber ich mir in letzter Zeit wieder Gedanken gemacht habe, ist, wie verrückt es doch ist, dass man ein FSJ macht und Tätigkeiten ausüben kann, die man normalerweise ohne eine richtige Ausbildung gar nicht machen könnte. Ich würde es Menschen auf jeden Fall raten, da ich glaube, dass es eine sehr wertvolle Erfahrung ist und man viel über sich selbst lernen kann.